„Die Welle“ schwappt über in der Türkei

Vermutlich kennen einige unter den Lesern den Roman „Die Welle“ von Morton Rhue. Einige haben ihn eventuell wie ich ihn sogar im Deutschunterricht besprochen. Für diejenigen, die das Buch nicht kennen, hier kurz zum Inhalt.

Ein Lehrer beginnt mit seiner Klasse ein Experiment. Diese glaubt nämlich, dass der Nationalsozialismus bzw. Faschismus nur ein Konstrukt der Vergangenheit ist und heutzutge keine Basis hätte. Das Experiment beweist genau das Gegenteil und zeigt damit, dass faschistisches Gedankengut unter uns ist. Auch heute.

Ich habe heute einen Beitrag von einer Gastkolumnistin in der Online-Ausgabe von „Die Welt“ gelesen. In diesem beschreibt die eigentliche Bloggerin Cigdem Toprak von ihren Erlebnissen als Teil der Gezi-Park-Bewegung in Istanbul. Ich berichtete darüber hier.

Mittlerweile ist wohl jedem klar, dass es bei der Gezi-Park-Bewegung nicht um den Naturschutz, sondern um etwas viel Größeres ging. Jede Gruppe nimmt dabei mit einer anderen Motivation an der Protestbewegung teil. Gewaltbereite Fußballfans, um die Zeit bis zur nächsten Saison zu überbrücken, Künstler, um sich zu profilieren. Natürlich gibt es auch noch den Kern an Naturschützern. Diese stellen jedoch eine Minderheit dar. Ihre friedliche und anerkennungswürdige Aktion ist mittlerweile dem Sog der unfriedlichen Gruppen erlegen.

Cigdem Toprak schreibt in ihrem Bericht, dass sie zunächst gegen eine Teilnahme vor Ort war. Ihr wurde hierzu durch einen Funktionär der CHP-Partei abgeraten. Erst die Worte des Welt-Korrespondenten „es wird nicht bei den Protesten bleiben“ hat sie dann doch bewegt, an diesen teilzunehmen.

Würde man Frau Toprak fragen, ob sie sich von einer nationalistisch angehauchten Ideologie mitreißen lassen würde, würde sie wohl mit einem klaren „Nein“ antworten. Dies natürlich vor einem entsprechenden Schritt. Im Weiteren schreibt sie, dass sie die emotionalsten Tage ihres Lebens erlebt hat. Ein probates Mittel der Polemik. Emotionen statt Verstand wecken. Auch Toprak ist dem verfallen.

Obwohl sie wohl nicht mit der Absicht dorthin gegangen ist, sieht sich Frau Toprak plötzlich in der Menge „Wir sind Atatürks Soldaten“ schreien. Ganz wie die Soldaten, die in türkischen Schulen ausgebildet werden. Dabei ist Frau Toprak doch in Deutschland geboren und hat hier studiert.

Sie schreibt, dass sie nun verstehe, was Atatürk damals bezweckt habe, als er allen Völkern die türkische Identität zugesprochen habe. Er habe das Land stark machen wollen. Als „türkische Soldatin“ blendet Toprak aus, dass die türkische Identität den verschiedenen Völkern der Region mehr „auferzwungen“ wurde. Und es blieb auch nicht bei der Identität. Die Sprachen von Minderheiten wurde verboten. Die Kultur ebenfalls. Das sieht Frau Toprak nicht. Erst in den letzten Jahren dürfen andere Volksgruppen in der Türkei ihre Sprache frei sprechen, ihre Kultur ausleben. Ein Verdienst, den man der AKP-Regierung zuschreiben muss. Egal ob man sie mag oder nicht.

Frau Toprak spricht darüber, dass sie ein Opfer der polizeilichen Gewalt wurde. Vielmehr ist sie ein Opfer einer Welle. Einer Welle, die in Deutschland über 5 Millionen Juden das Leben gekostet hat. Kein vernünftiger Bürger in Deutschland würde diese Zeit gutheißen. Dass wir nicht davor bewahrt sind, es gleich zu tun, zeigt das Beispiel der Welt-Autorin. Das Emonationale steht über der Vernunft und zieht sie mit. Von da ist es nicht mehr weit, dass selbsternannte Soldaten denunzieren und sogar gewaltätig werden. Vorsicht ist daher geboten. Ein zweite Welle braucht niemand.

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