Zahlen und Fakten zum Schüleraustausch

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Zahlen und Fakten zum Schüleraustausch

Sprachkenntnisse, die über die Muttersprache hinausreichen, sind heutzutage unabdingbar. Insbesondere bei Bewerbungen ist gutes Englisch eine der Grundvoraussetzungen, weitere Sprachen sind durchaus vorteilhaft. Aber nicht nur der Spracherwerb, sondern auch das Kennenlernen einer anderen Kultur steht für knapp 17.000 Jugendliche im Mittelpunkt, wenn sie sich auf das Abenteuer Ausland einlassen. Dabei kostet ein Jahr gut und gerne 10.000 Euro und mehr – soweit es sich um das englischsprachige Ausland handelt. Die Grenzen nach oben sind dabei relativ offen. Inkludiert sind die Betreuung durch den Anbieter, das Zuhause in der Gastfamilie sowie der Schulplatz. Kein ganz günstiger Spaß. Aber: die Chance, mithilfe einer Gastfamilie in die Kultur des Gastlandes einzutauchen, ist einmalig.

Begriffsdefinition und Historie

Der Begriff des Schüleraustausches meint in der Regel das gegenseitige Besuchen im jeweils anderen Heimatland. Dadurch sollen nicht nur die Sprachkenntnisse, sondern auch die interkulturelle Kompetenz der Schüler gefördert werden. Interkulturelle Kompetenz gilt als eine „fächerübergreifende Kompetenz, weshalb sie zu den sogenannten Schlüsselkompetenzen bzw. Soft Skills gehört (…).“ (Dambeck, Interkulturelles Lernen im Schüleraustausch. Relevanz, Didaktik, Wirkungsweise, 2016). Junge Menschen sollen befähigt werden, sich an andere Kulturen anzupassen, sich in sie hineinzuversetzen, ohne aber in dieser Kultur aufgewachsen zu sein. Empathie und Selbstreflexion werden dabei nachhaltig geschult. Interkulturelle Kompetenz ist demnach kein fixer Zustand, sondern ein stetiger Prozess, der sich in Abhängigkeit der Kulturen verändert bzw. entwickelt. Auf diese Weise sollen die Jugendlichen dazu befähigt werden, sich in einer globalisierten Welt besser zurechtzufinden.

Damals

Ihren Ursprung hat der Schüleraustausch in internationalen Jugendlagern, die erstmals durch Pfadfinder ins Leben gerufen wurden. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Aufenthalt im innereuropäischen Ausland ein gern gesehenes Unterfangen, das aber hauptsächlich Kindern von Akademikern oder Kaufleuten möglich war. Sie sollten ihre Fertigkeiten in England oder Frankreich schulen. Verstärkt – und nicht ganz ohne politischen Hintergedanken – ging das Konzept des Schüleraustausches dann insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg los. Es sollte vor allem dazu dienen, die beschädigten Beziehungen zu reparieren und Frieden und Toleranz zwischen den Nationen zu etablieren.

Heute

Austauschjahre finden heute nicht mehr klassischerweise nur während der Schulzeit statt, sondern auch danach. Das sogenannte Gap Year erfreut sich zunehmender Beliebtheit, gerade angesichts der Einführung von G8 erscheint vielen Jugendlichen die Gelegenheit sowohl zeitlich als auch finanziell günstiger, nach dem Abitur ins Ausland zu gehen. Der Aufenthalt im Ausland beschränkt sich also nicht nur auf die Schulzeit, sondern auch auf das Jahr danach. Gerade nach der Schule ist der Aufenthalt meist stressfreier, in Form eines Au-Pair-Platzes oder in Form von Work and Travel sogar günstiger.

Austauschorganisationen in Deutschland und deren Hauptzielländer

Austauschorganisationen

Laut der aktuellen weltweiser-Studie sind auf dem deutschen Markt rund 100 Austauschorganisationen und Agenturen tätig. 3 Unternehmen betreuen mehr als 700 Austauschschüler. Vierzehn Organisationen senden zwischen 200 und 399 Jugendliche ins Ausland. Fünfzehn Austauschagenturen haben zwischen 100 und 199 Jugendliche unter ihren Fittichen, während der Großteil lediglich bis zu einhundert Schüler ins Ausland schickt.

Knapp die Hälfte (49%) der Austauschorganisationen schickt ihre Austauschschüler ausschließlich an öffentliche Schulen, rund ein Drittel (32%) wiederum lässt die Wahlmöglichkeit zwischen einer öffentlichen oder privaten Schule zu, 19 Prozent haben ausnahmslos Privatschulen in ihrem Programm.

Zielländer

Insgesamt gesehen sind anglophone Länder der Favorit unter den Schülern. An der Spitze stehen dabei ungeschlagen die Vereinigten Staaten von Amerika, gefolgt von Kanada und Neuseeland. Weitere englischsprachige Destinationen, die sich ebenfalls großer Beliebtheit erfreuen, sind Großbritannien, Irland und Australien. Neunzig Prozent aller Schüler entscheiden sich für eines dieser Länder, während die übrigen zehn Prozent sich über den ganzen Globus verteilen. Darunter befinden sich vorrangig südamerikanische Länder, aber auch asiatische Länder wie China und Japan.

Charakteristika der Teilnehmer

Herkunft nach Bundesländern

Die Bedeutung, die einem Austauschprogramm beigemessen wird, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland – und das durchaus signifikant. Betrachtet man die Anzahl der Austauschschüler pro Bundesland im Verhältnis zu den Gesamtschülerzahlen in Deutschland, so fällt auf, dass die beiden Stadtstaaten Hamburg und Berlin überproportional viele Jugendliche ins Ausland schicken. Ebenfalls ein großer Anteil an Austauschschülern kommt aus Schleswig-Holstein. Nahezu kongruent ist das Verhältnis der Schüler verglichen mit der Gesamtschülerzahl in den Ländern Nordrhein-Westfalen, Hessen, Brandenburg sowie Mecklenburg-Vorpommern. Etwas überraschend relativ abgeschlagen liegen die reichen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern lediglich im unteren Mittelfeld. Aber auch Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und das Saarland bleiben hinter den Erwartungen zurück. Ebenfalls in diesem Zusammenhang genannt seien Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Absolut gesehen kommen die meisten Austauschschüler aus Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Die Zahlen verhalten sich damit entsprechend der Bevölkerungszahl des jeweiligen Bundeslandes.

Gründe für die ungleiche Verteilung

Ein Zusammenhang ergibt sich möglicherweise aus der Einkommensstruktur, die in den genannten Bundesländern – mit Ausnahme Bayerns, Baden-Württembergs und Niedersachsens – existiert. Aber auch uneinheitliche Fördermöglichkeiten, die sich im Rahmen der unterschiedlichen föderalen Gesetzgebungen ergeben, können einen Einfluss auf die Teilnahme an Austauschprogrammen haben.

Darüber hinaus resultieren aus den unterschiedlichen Schulstrukturen in den Bundesländern auch unterschiedliche Versetzungsrichtlinien, die möglicherweise Auswirkungen auf die Entscheidung für oder gegen einen Auslandsaufenthalt haben.

Verteilung nach Geschlecht

Auffallend ist die Geschlechterverteilung: knapp über zwei Drittel der teilnehmenden Schüler sind weiblich. Dies steht möglicherweise in Verbindung mit der oftmals größeren sprachlichen Affinität der Mädchen, die sich auch in der späteren Studien- bzw. Berufswahl zeigt.

Soziale bzw. wirtschaftliche Herkunft

Die soziale Herkunft der Jugendlichen hat bedeutenden Einfluss auf die Entscheidung für oder gegen einen Auslandsaufenthalt. Kommen die Kinder aus wohlhabenden Familien, ist die Wahrscheinlichkeit, den Nachwuchs ins Ausland zu schicken, höher. Da die Preise für Auslandsaufenthalte insbesondere in den englischsprachigen Destinationen um die 10.000 Euro und mitunter auch weit darüber liegen, ist die Teilnahmechance für Kinder aus einkommensschwachen Familien relativ gering. Eine Möglichkeit bietet sich hier lediglich durch die finanzielle Zuhilfenahme von Stipendien. Allerdings sind auch deren monetäre Mittel oftmals gedeckelt, sodass dennoch ein Restbetrag bleibt, den es zu stemmen gilt.

Entwicklung

Während die Gesamtzahl der an Austauschprogrammen teilnehmenden Schüler bis zum Schuljahr 2010/2011 kontinuierlich gestiegen ist, zeigen sich die Zahlen seither leicht rückläufig. Mit einem Peak von über 20.000 Schülern weist das Schuljahr 2010/2011 den bisherigen Maximalwert aus. Warum die Schülerzahlen in den darauffolgenden Jahren rückläufig waren, lässt sich auf mehrere Gründe zurückführen. Zum einen sorgte die Einführung des achtjährigen Gymnasiums aufgrund der Lernstoffverdichtung sowohl bei Eltern als auch bei Schülern zu Verunsicherung, zum anderen stiegen die Kosten für einen Auslandsaufenthalt, vor allem in den USA. Im Schuljahr 2017/18 konnten zum ersten Mal seit Jahren allerdings wieder steigende Teilnehmerzahlen festgestellt werden.

Fazit

Sofern die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, ist ein Auslandsaufenthalt immer lohnenswert. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass viele Bundesländer sukzessive zu G9 zurückkehren, lässt sich ein Austauschjahr während der Schulzeit wieder leichter realisieren. Ein Auslandsjahr dient nicht nur dem Spracherwerb, sondern fördert auch Selbständigkeit und Selbstbewusstsein. Ein Aufenthalt im Ausland lohnt sich dabei allemal, denn die Erfahrungen, die als junger Mensch in fremder Umgebung gemacht werden, prägen oft fürs Leben. Und gerade jene Erfahrungen, die im Alter zwischen 15 und 18 – also während der Schulzeit – gemacht werden, prägen noch nachhaltiger als jene, die jenseits der 20 erlebt werden.

About Grischa

Grischa hat im Dezember 2005 diesen Lernblog gestartet. Er studierte Wirtschaftsinformatik und leitet das Projekt Lern-Online.net seit Mai 2002. Das Ziel von Lern-Online.net ist Schülern und Studenten Wissen verständlich zu erklären, kostenfrei anbieten und übersichtlich gliedern.

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