Berufsabschluss ohne Berufsschule – wie geht das?

Quereinsteiger, die nach ihrer Ausbildung in einem anderen Beruf arbeiten oder auch Arbeitnehmer, die nach der Schule keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, stehen irgendwann vor der Entscheidung, ob sie einen Berufsabschluss nachholen oder weiter als Hilfskraft arbeiten wollen. Berufsschule und der finanzielle Aspekt lassen viele vor einer Ausbildung zurückschrecken. Wie kann ein Berufsabschluss erlangt werden, ohne Schulbank und Azubisein?

Alles braucht ein Papier

In Deutschland ist es so, dass Wissen und Können mit Papieren nachgewiesen werden müssen. Wer also trotz mehrjähriger Berufserfahrung Fachwissen erlangt hat, wird weiter als Helfer arbeiten müssen, wenn er nicht irgendwie glaubhaft nachweisen kann, dass er dieses Fachwissen hat.

In Deutschland geht das bei den anerkannten Ausbildungsberufen durch eine sogenannte Externenprüfung, die für jeden Beruf vor der zuständigen Kammer abgelegt werden kann. Welche Kammer zuständig ist, richtet sich nach dem Berufsfeld. Für kaufmännische Berufe ist es die IHK, fürs Handwerk die Handwerkskammer etc. Zu dieser Prüfung kann sich jeder anmelden, der die Zugangsvoraussetzungen erfüllt. Bei Arbeitnehmern wird diese meist über die Anzahl der Jahre an Berufserfahrung definiert.

Anmeldung bedeutet natürlich nicht automatisch, diese Prüfung auch zu bestehen. Sich dieser Herausforderung unvorbereitet zu stellen, gleicht einer Art Lottospiel. Doch mit etwas Engagement und Zeiteinsatz, ist es möglich, sich auf diese Prüfung vorzubereiten, ohne über mehrere Jahre die Schulbank zu drücken.

Berufsabschluss ohne Berufsschule Bildquelle: Pixaybay

Lernen – ortsunabhängig und bei freier Zeiteinteilung

Das Internet erlaubt es, sich an jedem Ort weiterzubilden. Lernportale bereiten die Themen auf und jeder kann sie über seinen bevorzugten Aufnahmekanal konsumieren. Podcasts, Videos und PDf zum Lesen stehen teilweise sogar kostenfrei zur Verfügung. Außerdem bieten Bildungsdienstleister spezielle Vorbereitungskurse auf die Externenprüfungen an.

Die Kammern haben die Ausbildungspläne und Prüfungsthemen auf ihren Webseiten veröffentlicht. So können die Schwerpunkte analysiert und entsprechend die theoretischen Grundlagen und Fachbegriffe gelernt werden. Die praktische Erfahrung kann hier hilfreich sein, allerdings weicht die Praxis auch oft von der Theorie ab und es ist wichtig, sich bei entsprechenden Abweichungen immer an der Theorie zu orientieren.

Vorbereitungskurse können gefördert werden. Anträge auf Fördergelder können sowohl Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer stellen. Die Erlangung von Schul- und Berufsabschlüssen unterliegt sogar einer ganz besonderen Förderfähigkeit. Wer den Arbeitgeber hier mit ins Boot holen möchte, sollte vorab klären, ob der Arbeitgeber die Entscheidung begrüßt. Ein Abschluss bedeutet natürlich höhere Personalkosten, nicht jeder Unternehmer steht dem positiv gegenüber.

Musterprüfungen haben einen hohen Lerneffekt

Wer sich an seine theoretische Führerscheinprüfung erinnert, weiß wie wertvoll Musterprüfungen sind. Tatsächlich hilft es, alte Prüfungen zu bearbeiten, um den Satzbau und die Formulierungsbesonderheiten in den Fragen kennenzulernen. Ein kleines Wort dreht Fakten manchmal um und beeinflusst die Antworten. Wer seinen Blick hierfür schärft, hat es leichter, wenn es heißt, die Prüfung tatsächlich zu schreiben.

Außerdem wird durch die Übungen auch ein Gespür dafür entwickelt, welche Fragen sich besonders stark auf die Bewertungen auswirken. Wer die wichtigen Themen gut kann, darf sich dann auch einen Fehler erlauben, wenn es um nicht so wichtige Fragen geht.

Musterprüfungen sollten unbedingt auch unter Echtzeitbedingungen geschrieben werden. Damit kann das Zeitgefühl trainiert und eine Strategie erarbeitet werden, die es ermöglicht in der vorgegebenen Zeit so viele Fragen wie möglich zu bearbeiten.

Arbeitgeber schauen schon lange nicht mehr nur auf die Noten. Sie wissen es zu schätzen, wenn Menschen sich ihre Erfolge erkämpft haben. Und wer sich mittels Externenprüfung zur Fachkraft qualifiziert, hat Ehrgeiz, Fleiß, Selbstmanagement und Durchhaltevermögen bewiesen. Unternehmen honorieren dies durchaus und das Ansehen der Berufsabschlüsse durch die Externenprüfung ist als hoch einzustufen.

Prüfungsangst – rechtzeitig aktiv werden

Aufregung vor einer Prüfung kennt jeder, echte Prüfungsangst hingegen ist den meisten unbekannt. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es durchaus auch ungelernte Arbeitnehmer, die zwar erfolgreich die Ausbildung durchlaufen, aber aufgrund von Prüfungsangst die Prüfung nicht gemacht haben.

Krankenkassen bieten Programme gegen Prüfungsangst an. Hier helfen leider keine Tipps auf die Schnelle, doch wer sich die Zeit nimmt, seine Prüfungsangst zu besiegen, kann mit einer Externenprüfung seinen Abschluss erlangen und vor allem ein Leben lang davon profitieren, weil er Techniken zur Stressbewältigung erlernt, die sich immer dann anwenden lassen, wenn psychischer Druck entsteht.

Medikamentöse Unterstützung sollte nur herangezogen werden, wenn sie von Fachleuten empfohlen wird. Es bringt nichts, am Ende zwar ruhiger in eine Prüfung zu gehen, sich aber vor Müdigkeit nicht konzentrieren zu können.

Es ist immer ratsam, einmal kurz auszusprechen, dass die Prüfungsangst übergroß ist. Prüfern ist nicht daran gelegen, Jemanden durchfallen zu lassen. Im Gegenteil, sie hatten selbst bereits unzählige Prüfungen und können ggf. unterstützen, indem sie in einem Blackout des Prüflings nicht ausharren, sondern erst einmal zu anderen Fragen übergehen.

Prüflinge können nichts verlieren

Eine Nichtbestandene Prüfung ist kein Beinbruch. Für den Prüfling in einer Externenprüfung, ändert sich ja erst einmal nichts. Meist beinhalten die Prüfungen mehrere Teilprüfungen. Das bedeutet, dass nur die Teile wiederholt werden müssen, die nicht bestanden wurde. Damit steigen die Chancen, den Berufsabschluss zu erlangen, enorm.
Für Nachprüfungen ist es wichtig, die Fristen zu kennen und einzuhalten, die die Gültigkeit der bestandenen Prüfungen regelt, damit diese bei längeren Abständen zwischen den Prüfungen nicht verfallen.

Bis zu dreimal dürfen die Prüfungen abgelegt werden. In der Praxis gibt es immer wieder motivierte Prüflinge, die nur mit eigener Vorbereitung in die Prüfung gehen und sich sagen: Wenn ich bestehe, habe ich nur die Prüfungsgebühren bezahlt. Falle ich durch, mache ich einen Vorbereitungskurs. Letztendlich kommt es vor allem denen, die ohnehin bei ihren Arbeitgebern bleiben wollen, nicht auf die Noten, sondern nur auf den Abschluss an.

Übrigens können auch Ungelernte mit ausreichend Berufserfahrungen spezielle Fort- und Weiterbildungen besuchen, die auf Berufsabschlüsse aufbauen. Gerade im kaufmännischen Bereich bieten sich die Fachwirtfortbildungen an. Hier gilt, dass Interessenten zur Zulassung mehr Berufserfahrung haben müssen, als Kaufleute. Die genauen Fristen sind bei der zuständigen Kammer zu erfragen, die die Fachwirtprüfungen abnimmt. Wer unsicher ist, ob er die Zugangsvoraussetzungen erfüllt, kann sich bei der zuständigen Kammer einen Beratungstermin zur Vorabklärung geben lassen. Die Fristen müssen grundsätzlich erst zum Prüfungstermin erreicht sein, so dass Fortbildungen bereits begonnen werden können, wenn die Berufserfahrung noch nicht vollständig erbracht wurde.

Fazit: Ganz ohne Prüfung geht es nicht, aber ohne langjährige Ausbildung und Berufsschule ist es möglich, einen Berufsabschluss zu erlangen.

About Grischa

Grischa hat im Dezember 2005 diesen Lernblog gestartet. Er studierte Wirtschaftsinformatik und leitet das Projekt Lern-Online.net seit Mai 2002. Das Ziel von Lern-Online.net ist Schülern und Studenten Wissen verständlich zu erklären, kostenfrei anbieten und übersichtlich gliedern.

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